Rund um das Schloss Lembeck ranken sich viele Geschichten über Hexen. Historiker und Heimatforscher Dr. Josef Ulfkotte zieht lieber die historische Forschung zurate – denn die belegte Geschichte ist düster genug.
Hexenkolk, Wasserprobe, Scheiterhaufen: Wer sich mit der Hexenverfolgung im Vest beschäftigt, stößt schnell auf düstere Geschichten. Manche wurden über Jahrhunderte weitererzählt und ausgeschmückt. Der Historiker Dr. Josef Ulfkotte interessiert daran vor allem eines: Was lässt sich wirklich belegen? „Historiker sollten nicht zum Romantisieren neigen“, sagt er. Gerade bei einem Thema wie der Hexenverfolgung sei Vorsicht geboten. Denn aus realem Leid werde schnell schaurige Erzählung. Und aus Erzählungen vermeintliche Geschichte.
Der Name hinter Zahlen
Gut dokumentiert ist der Fall der Dorstener Bürgermeisterwitwe Margareta Burich. 1588 wurde sie der Hexerei beschuldigt und starb unter der Folter. Die Quellenlage lässt hier kaum Raum für Ausschmückung: Kein Motiv muss erfunden, kein Detail dazuerzählt werden. Burich war ein realer Mensch, dessen Leben durch Anschuldigungen, Folter und die damalige Rechtspraxis zerstört wurde. Und sie war kein Einzelfall. Für Dorsten sind in dieser Zeit mindestens vier Todesopfer der Hexenverfolgung überliefert. Burichs Schicksal lässt sich heute nur vergleichsweise gut nachvollziehen. Eng mit der Hexenverfolgung verbunden ist die sogenannte Wasserprobe, eine Praktik, die auch in den Teichen um das Schloss Lembeck durchgeführt wurde.
Beschuldigte wurden gefesselt und an einem Seil ins Wasser gelassen. Dahinter stand eine religiöse Vorstellung: Wasser galt als reines Element, eng verbunden mit der Taufe. Wer an der Oberfläche blieb, wurde vom Wasser vermeintlich „zurückgewiesen“ – und damit als mit dem Teufel im Bunde betrachtet. Wer unterging, galt hingegen als rein. Was aus heutiger Sicht absurd erscheint, konnte damals über Ruf, Freiheit und Leben entscheiden. Für die Beschuldigten ging es dabei nicht allein um die eigene Person. Ein Hexereivorwurf traf auch Angehörige und konnte die Ehre einer ganzen Familie beschädigen. Der Versuch, die eigene Unschuld zu beweisen, entstand damit aus einem enormen gesellschaftlichen Druck. Gerade deshalb warnt Dr. Ulfkotte davor, solche Praktiken im Rückblick zu einer schaurigen Attraktion zu machen. Hinter ihnen standen reale Menschen, die sich in einem System aus Angst, Verdacht und vermeintlichen Beweisen behaupten mussten.
Der Pranger steht heute woanders Was damals bereits mit einer einzelnen Beschuldigung beginnen konnte, hatte weitreichende Folgen für ein Menschenleben. Diesen Mechanismus erkennt Ulfkotte in veränderter Form auch heute wieder. „Der heutige Teich ist Social Media“, sagt er. Ein einzelner Post, eine öffentliche Anschuldigung oder eine Behauptung, die sich schnell verbreitet, könne heute Einfluss darauf haben, wie ein Mensch wahrgenommen wird – und im schlimmsten Fall berufliche wie persönliche Perspektiven dauerhaft verändern. Gerade in Krisenzeiten, warnt Dr. Ulfkotte, seien Menschen zudem anfällig für einfache Erklärungen und irrationale Behauptungen. Sein Plädoyer ist deshalb klar: Wer sich mit der Hexenverfolgung beschäftigt, sollte historische Forschung und spätere Erzählungen voneinander trennen – gerade weil die überlieferten Schicksale keine zusätzliche Dramatisierung brauchen.